Susanne Titz -
Das Ende des 20. Jahrhunderts

Betrachtungen zur Malerei von Anne Berning

Es gilt, die Perspektive der Betrachter zu betrachten. Diese sehen Gemälde vereinzelt im Raum positioniert, einige Gemälde an der Wand lehnend, einen Tisch mit weiteren, sehen diese Gemälde eben nicht an der Wand, sondern auf einem Tisch liegen und werden nach Begründungen suchen. Man sollte die Perspektive eines neuen Jahrhunderts ansprechen, denn es ist offensichtlich, dass dieses Bewusstsein eine Möglichkeit bietet, auch rückwirkend näher an Bernings Form von Malerei zu dringen. Es ist schwierig, sich aus dem 20. Jahrhundert zu verabschieden - sind wir da wirklich raus, gilt jetzt eine andere Zeitrechnung, gelten andere Begriffe, andere Regeln?


In den Arbeiten von Berning geht es um Malereigeschichte und ihre Position ist eine der Distanz, eine bewusst wahrgenommene Veränderung künstlerischen Handelns, die sich zu einem künstlerischen Imperativ entwickelt hat und von dort aus auf die Betrachtung hinwirkt. Die Geschichte dieser Distanznahme begann in den 80er Jahren und liegt bei Berning ähnlich wie bei vielen anderen Künstlern ihrer Generation: seither ist die Funktion des visuellen Zitats und des wiederaufgenommenen Bilds präsent, werden Motive und Gesten eingesetzt, deren neuerliche Existenz eine neuartige Ikonographie eröffnet hat. In dieser Ikonographie zeigt sich "das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"; das gleichnamige Buch von Walter Benjamin ist zu einem freien bildnerischen Diskurs entwickelt. Die Betrachtung kreist nunmehr um Intentions-, Wirkungs- und Rezeptiongeschichte(n), um Phänomene künstlerischer Selbstpositionierung und deren öffentliche Wahrnehmung, um deren Resonanz und mediale Verbreitung. Es ist ein analytischer, den aktuellen Status der Kunst reflektierender Diskurs, der von Produzenten mithin seit längerem geführt wird. Im Werk von Anne Berning ist er indessen auf eine spezifische Perspektive gebracht: es geht immer um den gesamten Geschichtsraum der Kunst und innerhalb dieses Raums immer um die Präsenz des Tafelbilds, d.h. um Malerei.


In Bernings aktuellen Ausstellungen erscheinen verschiedene Werkkomplexe der vergangenen zehn Jahre nebeneinander: Medialisierungen des Meisterwerks - im Katalog, in der Bibliothek, der Kunstpostkarte, jeweils verfremdet durch eine Vergrößerung der dortigen Erscheinung bzw. deren Rückführung auf das Urmoment des Gemäldes. Bild- und Textzitat, Titel und Signatur treten nebeneinander auf als einzeln wirksame Koordinaten. Die räumliche Konstellation macht hierbei nochmals klar, was in allen Werkphasen wichtig war: Anne Bernings Malerei ist keine Mimikry, will keine Täuschung oder Appropriation erzeugen, sondern hält sich an eine durchgängig sachliche, dokumentarisch exakte (wenngleich motivisch meist fiktive) Darstellung der gewählten Vorlagen. Anders als beispielsweise Elaine Sturtevant, deren gegensätzliche Perspektive bereits häufig zitiert wurde, arbeitet Anne Berning somit nicht an einer vollkommenenen Vergegenwärtigung, sondern an einer distanzierenden Strategie, die wie ein Filter operiert und alle Motive in einer gemeinsamen Medialität bindet. Diese Malerei gleicht einem strukturalistischen Verfahren. Sie führt einen Text mit sich, wie ein Foto, das eine Bildunterzeile trägt und diese, wie Roland Barthes bemerkte, immer als ein begleitendes Indiz seiner Bedeutung benötigt.


Der auffälligste Aspekt ist die Aura des Malerischen. Mit der Vergrößerung des Motivs, des Namens oder Begriffs ist das Phänomen markiert und jedes Gemälde wird zum Exempel dieser als solches wirksamen Macht. Es geht indes hierbei nicht nur um Größe, sondern um eine augenfällig inszenierte Instanz des Erhabenen, die den Diskurs eröffnet. Quer durch die Kunstgeschichte reichen die zitierten Werke und Handschriften und mit der von Berning entworfenen Nachbarschaft sind sie in Bezüge gesetzt, die sich den Kategorien von Kunstgeschichtsschreibung und musealer Chronologie widersetzen. Damit geht es hier auch um eine Ordnung, einen kunsthistorischen Kanon, der durch Bernings Auswahl verunklärt wird und eine künstlerische Gegenmanifestation erhält; z.B. in der alphabetischen Reihung der Buchrücken, einer Formalisierung, die den äußerlichen Akt der Verwaltung symbolisiert.


Anne Bernings Malerei erzeugt eine Verräumlichung von Kunstgeschichte. Die Motive, der Duktus, die Formate und die Positionierung ihrer Gemälde wirken zusammen. In Gegenüberstellung zu den großformatig überhöhten Bildbänden und Postkarten an der Wand erscheinen Bernings Tische auf der Ebene des Ateliers, als Sinnbilder der Produktion. Mit der Arbeit 'Guston' aus dem Jahr 1993/94 erprobte Berning eine solche Positionierung ihrer Gemälde: als eine Ausbreitung von Bildbänden rund um ein Gemälde von Philip Guston, 'Der Tisch des Künstlers', ein Stillleben von künstlerischen Entwürfen, die ihrerseits Stilleben thematisierten. In ihrem neuesten Werkkomplex, 'FIRST CHAPTER, LAST PAGE' 1999/2000, geht es erneut um das rahmende Instrument eines Tischs und das Konzept auf diesem Tisch, eine scheinbar offene Serie von völlig unterschiedlichen Formaten und Motiven, deutet an, dass Berning beginnt, eine Künstlergeschichte zu schreiben. 'FIRST CHAPTER, LAST PAGE' ist ein Archiv von visuellem Material, bestückt mit reproduzierten Formen und Sujets von Malerei sowie mit gemalten Zitaten von Texten, Äußerungen vom Aufbruch und vom Scheitern: History: Die Lache; Farbe A über Farbe B: Alles schon dagewesen; Nichts Neues; I'm Completely Exhausted; Mourir c'est facile; und ein langer Text über das Drama des Weitermachens in der Malerei, geschrieben aus der Perspektive der Schriftstellerin Gertrude Stein, welche zugleich mitleidig und hohnvoll scheint: "Sie (i.e. die Maler) tun mir oft leid."


Bernings Motive sind hier entschieden weiter gefasst als in vorangegangenen Arbeiten: sie weiten das Sujet aus, greifen aus der Malerei, der Handzeichnung, dem geschriebenen Wort und der Fotografie, erscheinen als Fragmente, Ausschnitte, Notizen. Der Körper, das Portrait, das Stilleben, das Interieur, der Horizont, die Farbe, die Komposition sind anwesend; das Phänomen des Realen - die Spur, der Index - und ebenso das Phänomen der Interpretation - Leonardos erste Zeichnung einer Anamorphose, Farben auf der Palette.


Anne Bernings Malerei aktiviert Archive und Wahrnehmungsperspektiven der Betrachter. Sie erzeugt eine Selbstreflexion der Betrachtung, die auf eine längst eingetretene Selbstreflexion der Produzenten trifft. Leonardos Anamorphose, ein historisches Dokument dieser Aktivierung, in dem erstmalig Schrägsicht verlangt wurde, findet sich wieder in Bruce Naumans Bewegungsmomenten von Videobildern. Der historische Referenzraum unserer Wahrnehmung weitet sich zusehends aus, die Quellen von Blickwechseln liegen in früher Zeit, deren Kontinuität ist jetzt offenbar. Der Zustand der Gegenwart liegt hierbei in der Schwebe, wird lediglich durch das Phänomen dieser Reflexion angedeutet: "Das Ende des 20. Jahrhunderts", einst eine ausladend werfende Geste von Joseph Beuys, ist zu einer protokollarischen Feststellung geworden