Nina Jaenisch - Anne Berning.
Gemaltes Konzept

Mit leichtfüßiger Ironie konfrontiert und mischt Anne Berning in ihren Arbeiten gegensätzliche Kunstpositionen, ohne sie jedoch in ihrer  Gegensätzlichkeit komplett aufzulösen. Vielmehr vibriert ein innerer  Widerspruch deutlich mit, wenn sie im Sinne der Konzeptkunst Produktions-,  Reproduktions- und Rezeptionsbedingungen von Kunst analysiert und dabei zugleich eine starke Faszination für das Malerische heraufbeschwört.


Beispielhaft für diese kontrastreiche Verbindung könnten die aus vielen  Einzelteilen zusammengesetzten Wandarbeiten 'katholisch' und 'protestantisch' stehen. An die konfessionellen  Fronten des historischen  Bilderstreits erinnernd, scheinen sich Farbfeldmalerei und Konzeptkunst gegenüberzustehen: Auf der einen Seite eine sich an der Sinnlichkeit von  reiner Farbe und klarer Form erfreuende Kunstauffassung. Auf der anderen Seite eine der Idee - und damit auch stärker dem Wort - verpflichtete  Programmatik. Allerdings erweist sich die klare Scheidelinie auf den zweiten  Blick als fließend. 'Katholisch' zeigt in den strahlenden Farbabfolgen auch inhaltliche Referenzen, wie etwa die Implikationen des Regenbogens als Schwulenflagge. 'Protestantisch' dagegen trägt seine Sentenzen nicht eben unsinnlich auf einer zarten Palette von bläulichen, rötlichen und gräulichen Weißabstufungen. Malerei und Konzept spielen gegen- und miteinander.


Anfang der 1990er Jahre hat Anne Berning damit begonnen, sich mit den gestalterischen Prinzipien der Kunstreproduktion auseinanderzusetzen und nach ihren Regeln fiktive Buchrücken, Katalogcover und Postkarten in Malerei rück zu übertragen. Die dabei meist vorgenommenen Vergrößerungen wirken wie der Blick durch eine Lupe, durch den die Zusammenhänge der medialisierten Vermittlung deutlich zu Tage treten. Die Wahl von Bildausschnitt, Farbigkeit, Typographie und Layout offenbart sich als planvolle Methode, mit der ein Image vom Künstler und seinem/ihrem Werk kreiert wird.  Paradoxerweise entfaltet aber diese Dekonstruktion in Öl auf Leinwand dabei auch wieder eine starke malerische Qualität, die parallel ihren eigenen  Diskurs zu Formbalance und Farbkontrast eröffnet. Eine ähnliche Dynamik der Paradoxie entwickelt Anne Bernings Präsentation der Buchrückenreihen nach alphabetischer Ordnung. Das nach streng rationalen Kriterien entwickelte Verwaltungsprinzip von Bibliotheken und Archiven entfaltet hier sichtbar sein ästhetisches Potential, nämlich sämtliche doppelt Kategorien der Kunstgeschichte wie Chronologie, Stil, Gattung oder Genre zu unterlaufen. Indem alte und junge Meister der unterschiedlichsten Richtungen dem Betrachter plötzlich in enger Gruppierung gegenübertreten, kann dieser ein ganz neues Beziehungsgeflecht - jenseits aller Ordnungen - zwischen ihnen knüpfen.


Das wilde Wuchern des Assoziativen thematisiert Anne Berning auch in ihrer Arbeit 'first chapter, last page' - allerdings auf die Situation postmoderner Kunstproduktion übertragen. Auf der Ebene eines Ateliertisches liegen gemalte Bilder und Texte wie eine lose Zettelsammlung: Akt, Porträt, Interieur, Landschaft, Historienbild, Realismus und Abstraktion aus dem kunstgeschichtlichen Repertoire, aber auch aus Pressefotografie, Film, Literatur und dem Leben gegriffen. Sie umkreisen gemeinsam die Frage nach der Möglichkeit und Unmöglichkeit von Malerei nach dem - schon oft verkündeten - Ende der Malerei. Hierbei entwickeln sich fließend formale wie inhaltliche Übergänge, etwa wenn das Blut betropfte Tischtuch auf einem Zeitungsfoto zum Actionpainting gerinnt, die filmische Nahaufnahme eines aufgerissenen Mundes eine Popversion von Munchs 'Schrei' ergibt oder eine Farbpalette als Readymade im informellen Stil erscheint. Die Neben- und Übereinander-schichtung der Zitate und Farbproben stimuliert dabei ein bewegliches Denken in verschiedene Richtungen und bildet zugleich eine abstrakte Komposition auf der Fläche. Der Reflexionsraum ist als Farbraum gemalt, der Farbraum als Reflexionsraum gedacht.


In der Ausstellung 'fragments from an imaginary universe' setzte Anne Berning spielerisch den  Kunstdiskurs zu Betrachterstandpunkt und -beteiligung fort. Die seit den 60ern Jahren verstärkt diskutierte Rolle des Rezipienten als Vollender des Kunstwerks wurde lange Zeit bevorzugt mit der Entwicklung der neuen performativen, installativen und konzeptuellen Kunstformen in Verbindung gebracht. Als Gegenbild diente hingegen oftmals die vermeintliche Autorität des klassischen Tafelbildes. Nicht ohne Humor kommentiert Anne Berning diese Argumentation im Medium der Malerei,  indem sich ihre aktuellen Arbeiten gerade der Schnittstelle zwischen Bild und Betrachter widmen. Wenn die Künstlerin etwa zwei nackte Glühbirnen aus einer Fotografie von Francis Bacons Atelier auf Spiegelgrund überträgt, so trifft sich darin der Betrachter in einer Fläche mit der gemalten Produktionsstätte wie dem real-reflektierten Rezeptionsraum. An anderer Stelle steht der interaktiv geschulte Rezipient einem ehemals für jedermann greifbaren Silberbonbon von Felix Gonzales-Torres als gemalter Ikone der Partizipationskunst gegenüber. Der scheele Seitenblick einer von Georges de la Tour übernommenen Falschspielerin wiederum kann einen - auch noch Jahrhunderte später - unversehens in eine undurchsichtige Komplizenschaft verwickeln.


1918 unterbricht Marcel Duchamp seine Arbeit am 'Großen Glas' und malt auf Drängen seiner amerikanischen Sammlerin Katherine S. Dreier ein langformatiges Bild für ihre Bibliothek. Diese Auftragsarbeit - nonchalant mit 'Tu´m...'' betitelt - thematisiert und ironisiert auf unterschiedliche Weisen illusionistische wie abstrakte Malerei, etwa indem er perspektivisch hintereinander gemalte Farbfelder mit einer wirklichen Schraube auf der Leinwand 'befestigt'. Es ist das letzte Gemälde Duchamps, der danach - zur Vermeidung einer 'Terpentinvergiftung', wie er angibt - seine Ideen nur noch in weniger 'retinalen' Medien bzw. als Ready-mades umsetzt. Als respektlose Hommage - und der Vordenker der Konzeptkunst hätte auch nichts für Respekt übrig gehabt - kommt Anne Bernings Antwort 82 Kunstgeschichts-Jahre danach. Quasi wie ein retinales Ready-Made sind die monochromen Farbflächen aus 'Tu´m...'' auf  einzelne Aluminiumplatten gemalt, überlappend in Reihe gehängt und mit einem lakonischen 'Tu´m... aussi' auf weißem Grund versehen. So treffen hier die als verfeindet geltenden Richtungen der Farbfeldmalerei und Konzeptkunst in freundlicher Ironie wieder zusammen.