Entropie! Alles eine einzige Scheiß-Entropie.

Andreas Bee

Was wäre der Protestantismus ohne den Katholizismus? An wem, wenn nicht an den Protestanten, sollte sich andererseits die »allein selig machende Kirche« reiben? Beide brauchen einander, ob nun als Quelle und Zustrom sakraler Elemente oder als Korrektiv und Bestätigung ihrer selbst, beide Anschauungen gehören zusammen, gerade weil sie sich permanent zu bestätigen und zu widersprechen scheinen. Ja, man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der dieser Dualismus keine Rolle gespielt haben soll. Hier das Festhalten an Bild und Dogma, verbunden mit der Überzeugung, der einzig wahren und echten universellen Gemeinschaft anzugehören, dort das tiefe Vertrauen in das Wort und der Glaube an das Prinzip der Subjektivität und die Autonomie der Vernunft. Auf der einen Seite ein wogendes Meer von satten, saftigen Farben, auf der anderen der Versuch, die Welt vor nüchtern grauer Folie auf den Begriff zu bringen. Wir sehen zwei Ausprägungen ein und derselben Sache mit unterschiedlichen Eigenschaften, die sich in ihrer Polarität ergänzen, wie die linke und rechte Hälfte eines Diptychons von Anne Berning (Abb. S. 20-23). Wie aber soll man ein derart spannungsgeladenes Bild anschauen?


Während manch einem bei der wandfüllenden Arbeit, die die Künstlerin wegen ihrer variablen Komponenten als Installation bezeichnet, die linke, »katholische« Seite wie eine klangvollmächtige Farbpartitur erscheinen wird, ist sie für den nächsten möglicherweise nicht mehr als ein beliebiger Auszug aus einem Musterbuch eines Teppichbodenhändlers. Ein belesener Betrachter fühlt sich vielleicht eher von den Bild gewordenen Notaten auf der rechten Seite angezogen, während einem sich vornehmlich visuell orientierenden Menschen der eine oder andere Satz in diesem Bildteil wenig attraktiv erscheinen mag. Doch beide Systeme sind keineswegs so autonom und stabil, wie man zunächst annehmen könnte. Sie haben Löcher und Leerstellen. Und weil sie sich im Grunde gegenseitig bedingen und im Kontakt miteinander Schnittmengen bilden, sickert an manchen Stellen das jeweils andere in sie hinein. So scheint auf der »katholischen« Seite durch eine monochrom blaue Fläche die rein typographische Ankündigung einer Konzertveranstaltung durch, während an genau gegenüberliegender Position sich bald unter einer grauen Farbfläche ein fast völlig verdecktes Bild einer Rockband bemerkbar macht. Aber auch dann, wenn sich die eine Seite mit der anderen nicht durch Widersprüche verklammert, können stark anziehende, bipolare Verknüpfungen entstehen. Im dialektischen Sinne steht beispielsweise dem intensiven Kardinalrot im linken Feld des Arrangements aus übermalten Aluminiumblechen im »evangelischen« Bildteil ein wirkungsmächtiger Hinweis auf das immer schlimmer werdende Durcheinander in der Welt gegenüber. Die Worte, die hier zitiert werden, stammen aus William Gaddis letztem Roman »Das mechanische Klavier«.


Der einer calvinistischen Tradition verpflichtete Gaddis (1922 – 1998) ist geradezu berüchtigt für seine ununterbrochen sprechenden Protagonisten, für Figuren, die ständig aufeinander einreden und oftmals auch ohne Anlass und Thema quasseln, selbst dann noch, wenn niemand mehr zuhört. Seinem furiosen Lamento über den Niedergang der Welt, seinem großen Palaver über das Leben und den Verfall der Sprache, über korrupte Anwälte, geklonte Schafe und über die Kunst und ihren bevorstehenden Untergang durch die fortschreitende Mechanisierung steht auf der visuellen Seite ein stetig größer werdendes Wirrwarr von Bildern gegenüber, das uns manchmal nur noch deshalb fasziniert, weil es uns gleichermaßen grotesk wie bedeutend vorkommt. Denn unverkennbar häufen sich um uns herum in ständig steigendem Tempo die Worte und Werke, die Bilder und Bücher, türmen sich die Kataloge mit ihren bunten Abbildungen und kommentierenden Texten, wachsen die Massen der Kunstpostkarten, Plakate und Drucksachen langsam aber sicher ins schier Unermessliche.


»Wann fing es an, richtig schief zu laufen?«, fragt Gaddis in seinem autobiografischen Roman und gibt gleich die Antwort: mit der Erfindung des mechanischen Klaviers, das es seinem Besitzer ermöglichte, mittels gestanzter Papierrollen die Werke großer Komponisten jederzeit selbst abspielen zu können. Mit dieser Unterhaltungsmaschine vom Beginn des letzten Jahrhunderts, gesteuert von einer Urform des binären Strickmusters, wurden seiner Meinung nach all jene Dinge vorbereitet, mit deren Hilfe man kurze Zeit später »die Höhen der Kultur überrannt« und platt gewalzt hat, um sich des »Allerheiligsten«, der Kunst zu bemächtigen. »Die verblödete, hirnlose Masse, die so genannte Öffentlichkeit, sie will es ja so. Sie will unterhalten werden und macht deshalb aus dem Künstler einen Entertainer oder Berufsprominenten. (…) Wo man auch hinschaut, überall Unordnung und Zersetzung, der Pesthauch der Entropie, nimm was Du willst, Unterhaltungsindustrie und Technologie, jeder Vierjährige an seinem eigenen Computer … «. tobt Gaddis. Trotz dieser hoffnungslosen Lage versucht der Autor Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Für seinen letzten großen Monolog holt er sich dafür Unterstützung bei Sigmund Freud, Thomas Bernhard, Platon, Richard Wagner, Hermann Melville, Ludwig van Beethoven, Paul Valéry, Leo Tolstoi, Gustave Flaubert, Friedrich Nietzsche und vielen anderen.


Auch Anne Berning bringt all jene Künstler als Kombattanten in Stellung, ohne die es ihrer Meinung nach nicht geht, ohne die es weder ein künstlerisches Wahrnehmen noch ein intellektuelles Sehen geben kann. Ihre Text- und Bildzitate, Buchrückenarbeiten, Bildpostkarten, Kunstbuchcover und nicht zuletzt die manchmal kryptisch anmutenden Anspielungen in den »Zettelwänden« der großen Installationen verweisen direkt oder indirekt auf jene Künstler, die die Künstlerin Berning durch ihre Malerei feiert und rühmt, und bei denen sie sich bedankt, indem sie sich ihnen als Malerin widmet. So tauchen in diesem Katalog z.B. auf: Jasper Johns, Philip Guston, Vermeer, Piet Mondrian, Magritte, Picasso, Witold Gombrowicz, Roy Lichtenstein, Jean-Antoine Watteau, Hannah Wilke, Ross Bleckner, Garutti, Pontormo, Robert Rauschenberg, Jean-Baptist-Siméon Chardin, Ad Reinhard, William Gaddis, Paul Cézanne – der erstaunlicherweise schon vor geraumer Zeit der Ansicht war, dass alles im Verschwinden begriffen ist und man sich deshalb beeilen müsse, wenn man noch etwas sehen will – John Baldessari, Robert Filliou, John Cage, André Thomkins, Raoul Hausmann, Bruce Nauman, Outerbridge, Felix Gonzalez-Torres, Francis Bacon, David Lynch, Alex Katz, Edouard Manet, Georges de La Tour, Andy Warhol, Diego Velázquez, Caravaggio, Rogier van der Weyden, Petrus Christus, Emmett Williams, René Magritte, Henri Matisse, Beatriz Milhazes, Joan Miró, Kara Walker, Francis Alÿs, Mary Heilmann, Max Beckmann, Edward Hopper, Bart van der Leck, Sigmar Polke, Pieter Brueghel, Gustave Courbet, Andrea Mantegna, Malcolm Morley, John Isaak, Piero della Francesca, Marcel Duchamp, Giovanni Bellini und Rosemarie Trockel.


Nur drei Künstler schließt Berning explizit aus ihrer Welt aus, drei, die allerdings ungenannt bleiben und deren Namen zu erfahren uns natürlich besonders interessieren würde. Bei Gaddis gewinnt schließlich Nietzsche gegen Tolstoi, bei Berning scheint noch nicht entschieden, welches Bild sich am Ende vor alle anderen schiebt und ob überhaupt jemand das Rennen macht.

Wie Gaddis versucht Berning mit ihrer Arbeit Ordnung in eine Welt zu bringen, die scheinbar hoffnungslos zur Unordnung neigt und an manchen Tagen so bedrohlich erscheint, dass man den Eindruck gewinnen kann, sie würde sich früher oder später in einer allumfassenden Zersetzung vollkommen entziehen. Indem Berning tief in den großen Stapel der verfügbaren Bilder hineingreift, indem sie zitiert und verbindet, indem sie die Zwiesprache mit bestimmten Künstlern forciert und andere unbeachtet lässt, müht sie sich, den untergründigen Sumpf aus Chaos und Zufall wenigstens an einigen Stellen trocken zu legen. Geschickt verwebt sie deshalb starke Stimmen zu einem Plädoyer für das Authentische in der Kunst, ohne sich der Illusion hinzugeben, damit etwas Ureigenes, völlig Neues erfunden zu haben. Dass es dennoch sinnvoll ist, so vorzugehen, wie sie vorgeht, deutet Berning durch ein Zitat von Andre Gide auf der »evangelischen Tafel« an: »Alles ist schon mal gesagt worden. Da aber niemand zuhört, muss man es immer wieder von neuem sagen!«


Bernings Werkgruppen zwingen uns, das »Große Bild« ganz zu sehen und ein über Jahrhunderte gewachsenes Geflecht aus Wahlverwandtschaften zwischen Kunst-, Rezeptions- und Reproduktionsgeschichte mit in die Wahrnehmung einzubeziehen. Ihr geht es offenbar nicht nur darum zu schauen, wie etwas aussieht, wenn sie es sich malend angeeignet hat, sondern sie interessiert sich auch für das Netz, für das System und den komplizierten Kontext, in dem wir alle stehen.


Als Künstlerin handelt sie einerseits so, als wäre sie für das Ganze verantwortlich und als Malerin gleichzeitig auch wieder so, als impliziere das System von vorneherein das, was sie tut. In Bernings Bildern klingen Zusammenhänge zwischen all jenen Aspekten an, die in ihrer Summe das System Kunst ergeben, auch wenn dabei die Grenzen zwischen Dokumentation, Spekulation und Experiment völlig unklar bleiben und permanent changieren.


Bernings Bilder aktivieren ein Gespür für die historische Dimension jeder künstlerischen Entwicklung, dafür, dass Kunstwerke eben nicht allein aus einer aktuellen Oberfläche bestehen, sondern aufeinander fußen. Sie betrachtet die Kunst nur scheinbar von außen, wohl wissend, dass es für einen Künstler kein »Draußen« geben kann, denn alle Fragen, die sie als Künstlerin an das System Kunst stellt, reflektieren auf ihre Arbeit zurück. Bernings Bilder handeln also nicht zuletzt von der Unmöglichkeit, einen Beobachtungsposten außerhalb des Systems zu beziehen, wenn man etwas über das System erfahren will. Sie bezeugen einmal mehr die zirkuläre Organisation der Kunst. In diese Welt kann nur der verstehend eintauchen, der in ihr selbst eine Rolle übernimmt. So entsteht jenes inspirierende Geflecht aus Abhängigkeiten, aus denen heraus man denken und handeln muss. Wer sich aber als Teil des Systems versteht, der weiß, dass, wenn er handelt, er nicht nur sich selbst, sondern auch das Ganze verändert. Deshalb kann es in der Welt der Kunst auch keinen unbeteiligten Künstler geben. Kurz: Wer mitspielen will, muss mitspielen! Und indem Anne Berning das auf ihre letztlich doch sehr unverwechselbare Weise tut, verstärkt sie das Rumoren der Archive. Das aber ist ein durchaus stimulierendes Geräusch.